Ich bau ‘ne Stadt für dich – Städte gendergerecht gestalten

Aus RotesNetz Baden-Württemberg
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Ich bau ‘ne Stadt für dich – Städte gendergerecht gestalten

Wenn von gendergerechter Stadtplanung die Sprache ist, denken viele Menschen reflexartig zunächst an Angsträume, schlechte Beleuchtung – beispielsweise in Parkanlagen oder Bahnhofsunterführungen – oder gar an Frauenparkplätze. Meist geht es um Orte oder Wege, die sich durch eine schlechte Einsehbarkeit, Dunkelheit, Enge, fehlende Fluchtmöglichkeiten, mangelnde Barrierefreiheit oder Zugänglichkeit auszeichnen.

Um sowohl die Auswirkungen, die solche öffentlichen Räume auf den Alltag der Menschen haben, zu identifizieren sowie Optimierungspotenziale offenzulegen und auszuschöpfen, geben immer mehr Städte und Gemeinden Gutachten und Reports in Auftrag. Auf diese Weise soll festgestellt werden, welche (städtebaulichen) Umstände für Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern sorgen oder diese fördern.

Feministische oder gendergerechte Stadtplanung beinhaltet allerdings deutlich diversere Aspekte des öffentlichen Lebens. Dabei geht es um Fragen wie: Wer nutzt eher den ÖPNV als den motorisierten Individualverkehr? Wer arbeitet eher im häuslichen Umfeld oder weiter weg? Wer macht auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause eher Umwege und Zwischenstopps? Wer pflegt Familienangehörige? Wer übernimmt die Kinderbetreuung? Wessen Freizeitaktivitäten finden im öffentlichen Raum statt und wie sehen diese aus?

Gendergerechte Stadtplanung beinhaltet die Gestaltung und Optimierung von öffentlichen Räumen und Straßen, einer gerechten und zukunftsfähigen Quartiersentwicklung, sowie ÖPNV-Planung. Es geht um Aspekte der Bezahlbarkeit, der Zugänglichkeit und der individuellen Lebensplanung.

Dass nicht all diese Aspekte bereits im Rahmen der Planungsprozesse berücksichtigt werden, hat mehrere Gründe. Doch eine größere Rolle spielt, dass Frauen einerseits nicht als Zivilperson in Planung und Entwicklung miteinbezogen werden, und andererseits, dass die Mehrheit der Beschäftigten in der Architektur, der Stadt- und Raumplanung, dem Bauhauptgewerbe oder dem Bauwesen im Öffentlichen Dienst Männer sind. Diese Mehrheit spiegelt dabei nicht das Verhältnis in der Berufsausbildung wider. Ca. 30% der Studierenden im Bauingenieurwesen sind Frauen, in der Architektur sind es sogar knapp über 50%. Dagegen werden, salopp gesagt, Gebäude von Männern geplant, die als Jungen nie Fenster putzen mussten, und Städte von Männern, die nie einen Kinderwagen und drei Einkaufstaschen auf Kopfsteinpflaster fortbewegen werden.

Wir aber wollen genderspezifische Aspekte in der Stadtplanung und -entwicklung in deutschen Städten und Gemeinden fest implementieren, um wirklich alle Lebensrealitäten gerecht abzubilden.


Unsere Forderungen:

Wir wollen, dass zukünftig genderspezifische Daten zu den Alltagsgewohnheiten der Menschen – beispielsweise in Hinblick auf Mobilität – erfasst werden, um die Gender Data Gap weiter zu schließen und unsere Städte gendergerecht zu gestalten. Wir wollen „Gender Planning“ als gendergerechte Perspektive in Stadtplanungs- und Entwicklungsvorhaben in unseren Städten und Gemeinden fest verankern. Wir wollen insbesondere die Wegeplanung gendergerecht gestalten. Der Weg von zu Hause zur Kita, zur Bank, zum Einkaufen, zur Arbeit, zum Sportverein und wieder zurück, muss nicht nur barrierefrei sowie möglichst kurz sein, sondern auch gut ausgeleuchtet. Wir wollen uns in der Planung des ÖPNV stärker daran orientieren, welche Wege Menschen, die Care-Arbeit leisten, nehmen. Die Nutzung außerhalb der Hauptberufszeit (zum Einkaufen, zur Kinderbetreuung ab Mittag, zur Spätschicht) muss dabei besser mit eingetaktet werden. Wir wollen bei Neubau, Neuentwicklung und Nachverdichtung von Quartieren weg von der früher üblichen städtebaulichen Trennung von Wohnen, Arbeit und Freizeit und hin zu einer besseren Durchmischung. Dies muss bei der Erstellung und Fortschreibung von Flächennutzungsplänen festgehalten werden. Wir wollen bei Prozessen der Bürger:innenbeteiligung Frauen explizit mit einbeziehen und eine eigenständige Evaluation daraus ziehen, so wie das oft bereits mit Jugendlichen, Senior:innen usw. durchgeführt wird. Dazu muss schon die Teilnahme an solchen Prozessen gendergerecht ermöglicht werden, z.B. was die Uhrzeit und die Erreichbarkeit betreffen. Wir wollen mehr Frauen in den praktischen Berufen wie Architektur, Stadtplanung und Ingenieurswissenschaften beschäftigen. Hierzu soll bereits frühzeitig die Notwendigkeit von Gendergerechtigkeit in diesen Berufszweigen aufgezeigt werden und junge Frauen sollen durch spannende Vorträge und Berufsinformationstage inspiriert werden. Wir wollen, dass Stadt- und Gemeindeverwaltungen bei der Neubesetzung von Stellen neben der Qualifikation auf ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis in den Fachbereichen achten. Wir wollen Mitarbeiter: innen der Stadt- und Gemeindeverwaltungen im Bereich des „Gender Planning“ aktiv schulen und durch Fortbildungen bereits bestehende Projekte gendergerechter gestalten. Wir wollen, dass Straßennamen die nach einer bekannten Persönlichkeit benannt werden, im gleichen Geschlechtsverhältnis vergeben werden. Wir wollen, dass kommunale Finanzen im Bereich der Stadtplanung und Stadtentwicklung auch in Hinblick auf „Gender Planning“ zugeteilt und ausgeschöpft werden. Für die Beratung und Evaluierung von Gendergerechtigkeit muss ein fester Betrag im Budget verankert sein.