G05: Let´s talk about sexuelle Gesundheit!
Antragssteller:in: Jusos Baden-Württemberg
Sachgebiet: G - Gesundheit & Pflege
Sexuelle Gesundheit ist mehr als ein intimes Thema – sie ist eine politische Frage. Sie betrifft nicht nur Körper, sondern auch seelisches Wohlbefinden, Selbstbestimmung, Aufklärung und soziale Gerechtigkeit. Wer über sexuelle Gesundheit spricht, spricht über Machtverhältnisse, über den Zugang zu medizinischer Versorgung, über Bildung und über Teilhabe.
Als feministische Partei vertreten wir eine Politik, in der das Thema sexuelle Gesundheit aus der Tabuzone herausgenommen wird. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen selbstbestimmt, sicher und aufgeklärt mit ihrer Sexualität leben können.
Dazu braucht es nicht nur medizinische Reformen – sondern eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Und wir machen den Anfang.
Enttabuisierung beginnt bei Männern
Während für viele junge Frauen der regelmäßige Besuch bei der Frauenärztin ab der Pubertät selbstverständlich ist, findet eine vergleichbare Routine bei Männern oft nicht statt. Der Gang zum Urologen erfolgt meist erst dann, wenn Beschwerden auftreten – nicht selten ist das zu spät. Diese Zurückhaltung ist Ausdruck einer problematischen Männlichkeitskultur, in der gesundheitliche Prävention als unnötig gilt und die Vorurteile über den Gang zur Vorsorgeuntersuchung schwerer wiegen als die Vernunft. Sexuelle Gesundheit betrifft jedoch alle – unabhängig vom Geschlecht.
Männer brauchen, genau wie Frauen, niedrigschwellige und vertrauensvolle Zugänge zu medizinischer Beratung, Kontrolle und Aufklärung. Nicht nur, um Krankheiten frühzeitig zu erkennen, sondern auch, um Fragen, Unsicherheiten und Zweifel ansprechen zu können. Denn klar ist: Gerade die männliche Sexualität braucht Raum für Reflexion. Ein solcher Zugang würde nicht zuletzt auch die gesellschaftliche Verantwortung von Männern in den Blick rücken: für Verhütung, für die Prävention sexuell übertragbarer Erkrankungen und für ein partnerschaftliches Verständnis von Sexualität, welches nicht auf Kontrolle, sondern auf Konsens beruht.
Wir fordern daher eine bundesweite, öffentlichkeitswirksame Aufklärungskampagne, die Männer gezielt zur aktiven Auseinandersetzung mit ihrer sexuellen Gesundheit ermutigt. Ergänzend sollen einrichtungsübergreifende Fortbildungen für medizinisches Personal im Umgang mit männlicher Sexualität als Teil der Ausbildung etabliert werden.
Vorsorge strukturell ermöglichen Um gesamtgesellschaftlich das Thema sexuelle Gesundheit zu enttabuisieren, braucht es auch die entsprechende Infrastruktur, wenn es um die medizinische Versorgung geht.
Die aktuelle Gesundheitsversorgung ist geprägt von strukturellen Lücken und selektiver Kostenübernahme je nach Krankenversicherung. Dabei sollten Vorsorgeuntersuchungen weder von Herkunft noch vom Geldbeutel abhängig sein.
Grundsätzlich braucht es eine flächendeckende Versorgung mit Urolog*innen und Gynäkolog*innen - insbesondere im ländlichen Raum - sowie den Ausbau interdisziplinärer Gesundheitszentren für sexuelle und reproduktive Gesundheit, in der insbesondere auch Aufklärung über nicht-heteronormative Sexualität stattfindet.
Doch auch wenn entsprechende Praxen zugänglich sind, liegen aktuell noch zu viele Steine im Weg hin zu einer Gesellschaft, in der alle von sexueller Gesundheit profitieren.
Die einzige vorgesehene Krebsuntersuchung nur für Männer ist bisher die digital-rektale Untersuchung (DRU), die in der Regel erst ab dem 45. Lebensjahr übernommen wird. Weitere Maßnahmen, wie z. B. bei der sogenannte PSA-Test, welcher Hinweise auf das Vorliegen von Prostatakrebs geben kann, sind nicht Teil der durch die gesetzlichen Krankenkassen übernommenen Vorsorge. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie empfiehlt jedoch in ihrer erst jüngst erschienen neuen Leitlinie zu Prostatakrebs statt der DRU die Durchführung eines PSA-Tests und gegebenenfalls eine anschließende Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie (MRT). Wir fordern deshalb die Übernahme dieser potentiell lebensrettenden Untersuchungen durch die gesetzlichen Krankenkassen und folgen damit zeitgemäßen wissenschaftlichen Empfehlungen von Expert*innen.
Auch bei der HPV-Impfung zeigen sich Defizite: Zwar wird die Impfung seit 2018 auch Jungen im Alter von 9 bis 17 Jahren empfohlen und von der Kasse übernommen, dennoch sind viele Eltern zu wenig informiert. Die Folge: Eine flächendeckende Immunisierung bleibt aus, obwohl HPV nicht nur Gebärmutterhalskrebs verursachen kann, sondern auch andere Krebsarten – beispielsweise am After oder im Mund-Rachen-Raum – von denen alle Geschlechter betroffen sein können. Und was die wenigsten wissen: Eine Infektion ist leicht über Haut- oder Schleimhautkontakt übertragbar, nicht nur beim Geschlechtsverkehr. Auch deshalb braucht es gezielte Aufklärung, die explizit auch Jungen und ihre Eltern erreicht.
Eine weitere Lücke zeigt sich außerdem beim Umgang mit sexuell übertragbaren Infektionen (STIs). Diese bleiben bei Männern besonders häufig unentdeckt, weil sie oft asymptomatisch verlaufen. Regelmäßige, kostenfreie Tests sollten deshalb ein selbstverständlicher Teil der Prävention sein und nicht als „Sonderleistung“ behandelt werden. Das dient nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern hilft auch Ansteckungsketten früh zu unterbrechen und Scham und Stigma rund um das Thema nachhaltig abzubauen.
Wir fordern deshalb:
- Einführung eines jährlichen „Check-ups für Männer“ ab 20 Jahren, der nicht nur körperliche Gesundheit, sondern auch Sexualität, reproduktive Fragen und psychische Aspekte einschließt – analog zur gynäkologischen Vorsorge bei Frauen.
- Keine Eigenbeteiligung bei sinnvoller Vorsorge: Dazu zählen der PSA-Test im Verdachtsfall sowie alle medizinisch indizierten Untersuchungen, wie zum Beispiel Hormonstatus-Tests bei Libidoverlust oder Erektionsproblemen sowie andere Tests bei Beschwerden im Bereich Sexualität, Potenz oder Infektionen.
- Kostenfreie HPV-Nachholimpfung auch über das 18. Lebensjahr hinaus, sofern sie medizinisch empfohlen ist.
- Zielgerichtete ärztliche Aufklärung über HPV und STI-Prävention, besonders für Jungen und ihre Eltern.
- Kostenfreie krankenkassenfinanzierte STI-Testangebote, sowohl als regelmäßige Leistung bei Ärzt*innen, als auch in speziellen Zentren, in denen man sich anonym testen lassen kann – bundesweit zugänglich und barrierefrei.
Verhütung geht uns alle an Die Verantwortung für Verhütung wird noch immer überwiegend bei Frauen abgeladen, während gleichzeitig der Zugang zu Verhütungsmitteln mit finanziellen und strukturellen Hürden verbunden ist. Doch Verhütung ist kein Luxus, sondern Teil der sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung.
Besonders problematisch zeigt sich der Umgang mit Verhütung bei der „Pille danach“: Ihr Kauf ist für viele nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine enorme psychische Belastung. Häufig steht dahinter ein ungeschützter Geschlechtsverkehr, der ohne Konsens stattgefunden hat oder Situationen, in denen Betroffene keine informierte Entscheidung treffen konnten. Gerade junge Mädchen werden nach dem Kauf der „Pille danach“ oft allein gelassen – mit den körperlichen Nebenwirkungen, aber auch mit den emotionalen Folgen.
Für einen besseren Umgang mit der “Pille danach” fordern wir daher:
- Die kostenfreie Abgabe in Apotheken.
- Ein sensibler, nicht-stigmatisierender Umgang beim Verkauf, sowie die Bereitstellung eines Angebots für psychotherapeutische Begleitung.
- Ein niedrigschwelliges Nachsorgeangebot, in dem Nebenwirkungen, mögliche psychische Belastungen und Fragen zur weiteren Verhütung besprochen werden können.
Grundsätzlich fordern wir die kostenfreie Bereitstellung von sämtlichen Verhütungsmitteln für alle, unabhängig von Einkommen oder Geschlecht.
Reproduktive Selbstbestimmung statt Kriminalisierung
Zur sexuellen Gesundheit gehört selbstverständlich auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und damit auch das Recht, über eine Schwangerschaft selbst zu entscheiden. Deshalb ist an dieser Stelle essentiell zu betonen:
Der § 218 StGB gehört endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen!
Die strafrechtliche Regelung stigmatisiert ungewollte Schwangerschaftsabbrüche und jene, die sie durchführen oder in Anspruch nehmen und erschwert so den Zugang zu sicherer medizinischer Versorgung. Die Kriminalisierung führt dazu, dass immer weniger Ärztinnen Schwangerschaftsabbrüche anbieten - mit der Folge, dass Betroffene häufig keine wohnortnahe Versorgung finden, wochenlang suchen müssen oder sich gezwungen fühlen ins Ausland auszuweichen. Zudem fehlt es ganz allgemein an Wissen und Kompetenz in der Breite von Fachärztinnen, da Schwangerschaftsabbrüche keinen Teil der medizinischen Ausbildung darstellen - die praktische Vermittlung von Methoden sowie ein wertfreier, empathischer Umgang mit ungewollt Schwangeren bleiben deshalb außen vor.
Der jetzige Zustand ist nicht hinnehmbar. Schwangerschaftsabbrüche sind Teil der Gesundheitsversorgung und müssen als solche behandelt werden.
Dazu gehört:
- Die vollständige Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.
- Ein flächendeckendes Versorgungsangebot auch im ländlichen Raum.
- Die vollständige Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen. Dazu gehören die Kosten des Schwangerschaftsabbruches, sowie zusätzliche anfallende Kosten für Fahrten zu den Kliniken, zu Beratungsgesprächen und Vorbesprechungen.
- Das Etablieren von Schwangerschaftsabbrüche als fester Bestandteil der medizinischen Ausbildung.
Schule muss mehr als Aufklären Sexuelle Gesundheit beinhaltet nicht nur das Fehlen von Krankheiten, sondern umfasst auch eine positive und respektvolle Einstellung zur Sexualität und zwischenmenschlichen Beziehungen.
Angesichts des alarmierenden Anstiegs sexualisierter Gewalt in Deutschland muss Sexualaufklärung in Schulen dringend als zentrales Mittel zur Prävention verstanden werden. Der Unterricht darf sich nicht länger auf biologische Reproduktionsvorgänge beschränken, sondern muss den sozialen, emotionalen und politischen Dimensionen von Sexualität gerecht werden.
Mädchen und Frauen müssen darin gestärkt werden, Situationen von Übergriffen zu erkennen, Grenzen klar zu kommunizieren und zu wissen, wo und wie sie Hilfe bekommen. Gleichzeitig braucht es eine geschlechterreflektierte Ansprache von Cis-Männern: Sie müssen darin aufgeklärt werden, wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse – insbesondere patriarchale Strukturen – auf sexuelles Verhalten und Erwartungen auswirken. Nur wer versteht, wie Privilegien, Rollenbilder und Gewaltmechanismen zusammenhängen, kann verantwortungsvoll handeln.
Der aktuelle Sexualkundeunterricht bleibt jedoch oft oberflächlich und rückschrittlich. Noch immer dominiert ein heteronormativer, cisgeschlechtlicher Blick auf Sexualität. Statt echter Aufklärung erleben viele Schüler*innen unbeholfene Lehrkräfte und Biologiestunden, in denen es vor allem um die Vermeidung von Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten geht.
Wir fordern ein Neudenken des Sexualkundeunterrichts in einen umfassenden Unterricht, der unter anderem:
- Konsens als zentrales Prinzip im Sexualkundeunterricht verankert,
- Sexualisierte Gewalt thematisiert und präventiv aufklärt,
- Vielfalt von Geschlechtsidentitäten, sexuellen Orientierungen, Beziehungsformen und Familienmodellen behandelt,
- sexistische Schönheitsideale und Geschlechterstereotype analysiert und hinterfragt und einen reflektierten Umgang mit Pornografie ermöglicht.
Nur wenn wir Vielfalt, Konsens, Selbstbestimmung und kritische Reflexion ins Zentrum stellen, schaffen wir es eine neue Generation Heranwachsender zu erziehen, die echte sexuelle Gesundheit genießen kann.